Wie man dem toten Hasen Corona erklärt

Ein intermediales Projekt zur Heilung von was auch immer

wo: Im Zentrum von Altdorf Uri Schweiz; verantwortlich: U. M. Dichtl 

wann: Die Installation ist jederzeit von aussen zu besichtigen; Performance, Jam, Gespräche etc. immer Sonntags ab 11 Uhr

(Zum chronologischen Beginn des Protokolls ganz nach unten scrollen )


Was kommt:

Tag 6

Sonntag 6.12.20 von 11 Uhr bis 16 Uhr

Samichlausfest und 1. Advent; Wir feiern das Wunder der Grosszügigkeit und schenken uns gegenseitig Zeit und Dasein.      Dazu gibt es wie immer warmen Kinderpunsch und Musik.

Für den Auftakt des Baus einer lebensgrossen Weihnachtskrippe im Gräblihaus bitte altes Weissbrot mitbringen! Und Joseph... falls er grad irgendwo orientierungslos herumsteht...

Wenn jetzt noch Schnee dazukommt wird es richtig kuschelig... 

Was war:

Tag 5

Sonntag 29.11.20 von 13 Uhr bis kurz vor Tatort

komme wer oder was da wolle... wir feiern den Novemberblues

wir nehmen uns nix vor und alles in kauf; wir teilen redlich und surfen gekonnt und mit musikalischer Untermalung die zweite Welle. Hauptsache es grooved...!

Neugierige  und Interessierte, jung und alt sind wie immer herzlich willkommen!  

Bringt gerne eure Texte, Lieder und Märchen mit. Wir wollen sie hören, spielen und begleiten!

Es gibt noch Punsch dazu...

Einige Stunden später: Tja... was soll ich sagen. Kann sein dass ich mich noch ein wenig dagegen gesträubt habe, wirklich in den Blues einzutauchen. Mir wurde dann von verschiedenen Seiten auch nicht wirklich auf die Sprünge geholfen... Netter väterlicher Besuch war zwar da. Die Jamsession wurde allerdings wieder auf Zufall vertagt. Aber keine Angst... die Musikvideo-Produktion läuft in einem unserer spannenden Paralleluniversen! Ein Augen- und Ohrenschmaus jagt dort den anderen. Wir suchen bloss noch nach dem Übersetzungsalgorithmus in den Alltag. Von kleineren Durchhängern lassen wir uns jedenfalls nicht so leicht aus der Bahn werfen. Immerhin hat Dr. Peter Himmel wieder exakt das passende Wetter geliefert: unaussprechlich novemberig. Wir danken! 

Und hier erst mal noch Bonusmaterial von vor zwei Wochen zum leidigen Thema C:

Derweil bin ich heimlich dabei, unsere Weihnachtskrippe einzurichten. Sieht schon richtig gemütlich aus. Fehlt nur noch etwas Glitter und Essen. Und die Hauptfiguren natürlich...

Krippe und Bühne für unser Stück: Wie man dem toten Hasen Corona erklärt und dabei Weihnachten feiert. (Arbeitstitel).


Was war:

Tag 4

Sonntag 22.11.20 von 11 Uhr bis ca. 17 Uhr

Kreatives Kranzbinden mit Recyclingmaterial

Ideal zur Stimmungshebung und allmählichen Einstimmung auf das Fest der Liebe

Was war das wieder für ein spannender, langer und lebendiger Sonntag in der Gräbligasse! Erfüllt mit so viel Erfahrung und Erkenntnis.
Ein Riesen Dankeschön an alle, die absichtlich oder aus Versehen da waren oder sogar mitgemacht haben. Dank vor allem auch an Jeanette Schneider, die bei dieser Gelegenheit ein paar ihrer wertvollsten Schätze und Ideen in unser Projekt eingebracht hat. Wir danken auch allen anderen, die unser Projekt wohlwollend in Gedanken und Taten aus der Entfernung unterstützen ganz herzlich. Ihr helft damit Kunst und Kultur zu überleben!

Das theoretische Potenzial eines gemeinsamen Projektes stellte sich für mich als Organisatorin bzw. Kuratorin wieder einmal als schwieriger heraus als gedacht. Insbesondere kam die wichtige und unvermeidliche Diskussion auf das Thema Wert zu sprechen: 
Wie viel Wert hat eigentlich so ein Kranz? Wem gehört welcher Teil davon? Ist der Rest Silberfaden daran mehr oder weniger wert als ein schmuddeliger gelber Plastikdeckel, den man daraufklebt? Darf man das was man gemacht hat mit nach Hause nehmen? Oder das was man mitgebracht hat, dalassen? Zählt auch die ästhetische Wirkung? Oder ist Kranz gleich Kranz?  Kommt es auf die Schönheit an oder vielleicht sogar auf den Kontext? Ist der Sonntag nicht ein blöder Termin für das alles? Und und und...


Immer mehr Fragen werden durch, um und am Projekt gestellt. Langsam geht es dabei auch ans Eingemachte. Und wir müssen noch mehr auf unsere Energien achten. Nichts verschwenden, liebevoll und verantwortungsbewusst mit dem grossen inneren und äusseren Reichtum umgehen. Sichere Werte haben und sie auch vertreten. Und unerschütterlich an unsere Mission glauben. Es geht schliesslich um nichts Geringeres als eine neue Weltordnung. Das kann schon mal für die ein oder andere Irritation sorgen... 


Unabhängig von dieser "politisch-sozialen" Dimension hatten sich wieder einige alte und einige neue Besucher*innen und Mitmacher*innen eingefunden. Sie haben begeistert und fleissig mitgegrooved. Sogar Hildegard Knef hat eins ihrer Lieder gesungen, nachdem ich als zuständige D-Jane eine alte Schlagersammlung ausgegraben hatte. Und ale haben das kostenlose Geschenk genossen, dass uns auch dieses Mal Petrus als unser treuer und wohlwollender Wetterschirmherr gemacht hat. Bei strahlendem Sonnenschein wenn auch frischen Temperaturen wurden ein paar wunderschöne, filigrane, witzige, romantische, durchgeknallte und auch freche Kränze geschaffen. Die an der ein oder anderen Stelle bestimmt längere Zeit Freude und Hoffnung ins Herz zaubern. Wer einen der unten abgebildeten Kränze haben möchte - schreibt einfach eine kleine Bewerbung per email. 

Für die kulinarische Pointe sorgte an diesem Sonntag überraschend eine liebe Nachbarin. Wir sind noch dabei herauszufinden, was in ihren Cupcakes Verbotenes drin war und werden dabei mithelfen, das suchterzeugende Potenzial dieser Genussbomben so weit wie möglich unter Kontrolle zu halten. Z.B. indem wir sie für ein weiteres Kooperationsprojekt schon mal vorbestellen.... :-) Leider konnten wir keine Fotos davon machen, weil sie so schnell weg waren... ;-). Yummieeeee!

So sah unsere sonntägliche Freiluftwertkstatt aus, nachdem alle kostbaren Recyclingschätze schön übersichtlich aufgebaut waren. In jedem Körbchen jede Menge Entdeckungen, die sich sofort mit neuen Ideen verknüpfen. Sie viele Ideen und Materialien. Und kostbare Kleinigkeiten. So schön auch sich gegenseitig dabei zuzusehn, wenn der/die andere wieder etwas tolles entdeckt hat. Glück kann so einfach und kostenlos sein

Besonders gefreut haben wir uns auch über den Besuch zweier blutjunger und smarter Altdorfer Jungunternehmer. Sie haben sofort das kreative Potenzial am Gräblihaus erkannt und sich im Vorbeikommen unserer künstlerischen Bewegung kurz angeschlossen. Haben sich zunächst tatkräftig dem Tiefbau - in Form von gefährlichen Steinen zur Seite kehren - gewidmet. Um danach in minimalistisch lässigem Habitus zwei Kränze samt Unterschrift an der alten Wand zu hinterlassen. Wir freuen uns auf weitere gute Ideen der zwei. Und dass sie die ein oder andere mit uns am Gräblihaus teilen wollen. Sie wollten unbedingt ihre Fotos auf unserer homepage sehen. Falls die Eltern was dagegen haben - bitte melden! 


Output

Aus ganz viel Recycling- und Bastelmaterial, Begeisterung und Liebe sind wunderschöne Gebinde entstanden. Zwei davon, die von Mädchen aus der Nachbarschaft gezaubert wurden, bleiben, soweit das Wetter es erlaubt, an der Fassade des Hauses hängen. Sie sind unverkäuflich. Wenn wir sie aus Not verkaufen müssten, würde der kleinere aus Goldpapier 10 Franken 20 Rappen kosten. Der grosse eine Million. Ausstralische Dollar... Mindestens. Anschauen kostet aber nix. Einfach in die Gräbligasse kommen und staunen...


Was war:

Tag 3

Sonntag 15.11.20  11.00 - 14.00 Goldstandard und Wiedergutmachung

Langsam wird es belebt und gemütlich am und im alten Haus in der Gräbligasse. Ein grosser Raum im Erdgeschoss ist inzwischen als potenzielle "Bühne" erschlossen und bietet Einblicke durch die geöffneten Fenster nach drei Seiten. Ein netter Nachbar liefert falls nötig den Strom. Dadurch ist bereits einiges an Licht ins Dunkel gekommen. Und Musik. Das zuerst unwirtlich bis abstossend erscheinende Haus zeigt sich mit etwas Geduld und Liebe als überraschend reich an Platz und Material. Die darin eingezogenen Plüschtiere entwickeln immer wieder ein Eigenleben. Und nehmen Kontakt zu Passant*innen und Nachbarn, Kindern und Älteren, Eltern und Kunstinteressierten, Hääähhhhh?-Fragern und Kopfschüttlern auf. Es entstehen schöne kleine Gespräche wie Inseln ums Haus herum. Immer mehr Menschen schliessen sich der Karawane an, die mit uns durch das kreative Nadelöhr zu gehen bereit ist, das durch Corona geschaffen wurde. Am besten klappt das, wenn  wir zwischendrin immer wieder mal aufräumen. Und sortieren. Wunden versorgen und alles entsorgen, was nicht mehr verwendet werden kann. Nur das kann mit, um das wir uns zu kümmern bereit sind. Und zu lieben. 

Der 3. Tag des Projekts (waren es tatsächlich erst drei?) stand ganz im Zeichen von Wiedergutmachung und Aufwertung. Das Wetter war wieder ganz auf unserer Seite. Bei strahlendem Sonnenschein wurde vor dem Gräblihaus vergoldet, gebastelt, geklebt, bemalt und dazu Musik von Deichkind und Grossstadtgeflüster gehört und gesungen. 

Sowohl die Scherben als auch die Steine erwiesen sich nach anfänglicher Sprödheit als durchaus inspirierende Materialien. Viele Besucher*innen nutzten die Gelegenheit durch die neu eröffneten Fenster ins Innere des Hauses zu schaun. Einige waren bereits zum zweiten Mal da und haben Freunde oder Familie mitgebracht.

Besonders gefreut haben wir uns über den Besuch einer rüstigen Dame, die um 1940 im Gräblihaus  geboren wurde. Und ihre Kindheit zum Teil im Winkel und in den angrenzenden Hügeln und Wäldern verbracht hat. Sie freute sich sehr über die Einblicke ins Haus und dass es noch einmal auf diese Art belebt wird. Feuertopf und Ölfass stehen bereit für die nächsten Treffen. Falls es doch mal kalt wird für und kulinarische Aktionen. Es bleibt spannend.

Was war:

Tag 2

Sonntag 8.11.20  11.00 - 15.00 Ton. Steine. Scherben.

Der alchemistische Prozess beginnt....

Das alte Haus beherbergt jede Menge mehr oder weniger wertvoller Steine. Wie kommen die da hin? Sie wurden von aktiven und mehr oder weniger jungen Menschen als Wurfgeschosse benutzt, um die Fenster einzuschmeissen. Is ja n altes Haus. Hält still und wehrt sich nicht. Was für ein Spass muss das sein. Selbst in Zeiten von War Craft 12.0.
Quasi als Kolatteralschaden dieser Art von Freizeitgestaltung gibt es im Haus massenweise Glasscherben. 
Beides. Steine und Scherben hatte ich mir vorgenommen zu sammeln. Sorgfältig zu beschriften und dabei zu zählen. Und beides als Material für meine weitere künstlerische Forschung zu verwenden.


Im Laufe der Aktion an diesem Sonntag bekam ich interessierte und motivierte Hilfe von BesucherInnen. Meine "Verkleidung" als coronaresistente Laborantin war der Motivation meiner AssistentInnen nicht wirklich dienlich. Manche fürchteten sich sogar regelrecht vor mir. Aber letztendlich gewöhnten sich alle daran. Und manche fanden es einfach gut in Zeiten von Corona "etwas tun zu können" und "sichtbare Beweise zu haben". Auch das Zählen an sich scheint eine beruhigende Funktion zu haben. ..


Die Musik von Ton Steine Scherben ging etwas unter. Genauso wie die Texte, die als mögliche fake news am Haus zum Trocknen aufgehängt wurden. Sie sind ja nun wirklich alles andere als neu. Aber trotz aller fehlenden Systemrelevanz immer noch sehr passend. Rio Reiser kommt eben langsam aber gewaltig.... Einfach mal bei Youtube eingeben.... Und lauschen.

Hauptsächlich ging es allerdings an diesem Sonntag darum, die Kuscheltiere, die wegen des guten Wetters etwas ausser Rand und Band geraten waren, wieder zu bändigen.... Sie belagerten zunächst in einer unangemeldeten Versammlung einen Teil der Winkelstrasse und nötigten ca. 10 Sekunden lang auch eine Autofahrerin zu waaghalsigen Fahrmanövern. Dem galt es dann natürlich entgegenzuwirken. Obwohl sie tot sind war das nicht einfach. Einzelne PassantInnen beschwerten sich bei mir wegen der nicht artgerechten Haltung und Behandlung. Ein paar der Bären verloren beim Versuch der Bändigung tatsächlich Pfoten und Beinchen. Aber keine Panik: Das Haus verliert nix.

Leider haben wir noch keinen Schäferhund. Unsere zwei Katzenassistenten entpuppten sich zwar als äussert interessanter Gegenpol zu den toten Tieren. Insbesondere auf Fotos. Abgesehen davon begleiten sie die Demonstration jeweils gewalt- aber auch relativ sinnfrei. 

Im Gegensatz zu meinem neuen Lieblingstier: Kittie... Die Roboterkatze. Durch ihre Fähigkeit durch Schreien und Jammern mit dem Menschen in verbalen Kontakt zu treten führt sie tatsächlich - nicht nur bei mir - zur unbewussten Aktivierung bemutternder oder auch genervter Impulse. Ihr Gemaunze dringt teilweise wirklich herzzerreissend durch das alte Gemäuer. Wenn man nicht auf sie aufpasst, treibt sie sich - wenn auch linear - auf der Strasse herum. Und läuft dabei Gefahr überfahren oder geklaut zu werden. Ob man einen Schäferhund dazu bringen kann, u.a. Robotertiere zu hüten entzieht sich bisher meiner Kenntnis. 
Das Gute an Kittie (wie überhaupt an der 3. industriellen Revolution): Man kann sie relativ gezielt einsetzen. Sogar was die Richtung Ihrer Bewegung anbelangt. Man kann sie ausschalten. Und hin und wieder gibt sie sogar freiwillig den Geist auf, weil ihr der Saft ausgeht. 


Unser Versuch unter Beteiligung von Youtube, Facebook und Spotify ins Filmgeschäft einzusteigen war ansatzweise erfolgreich. Mehr dazu auf unserem Kanal.... 


Tag 1

Was war:

Sonntag 1.11.20  11.00 - 13.00 Missie Link schafft Ordnung

Der erste Sonntag stand ganz im Zeichen der neuen (Welt-)Ordnung. Ein Zimmer des Hauses in der Gräbligasse wird von Kunstfigur Missie Link vom gröbsten Dreck befreit. Sie ist die Frau fürs Grobe mit Hands-on-Mentalität und ohne hygienische Skrupel. Eine Art Atelierraum entsteht, der von aussen einsehbar ist. Einige Besucher sehen dem hybriden Maskenwesen ebenso interessiert wie irritiert durch das Fenster zur Winkelgasse zu. Während und nach der Performance kommt es zu interessanten Gesprächen und weitreichenden Inspirationen. Noch ist das vorherrschende Gefühl Ekel. Allerdings: Der Samen ist in die Gräbligasse gesteckt. 


Projektbeschreibung

10.20 
Die Überschrift dieses Projekts ist eine Anspielung auf eine Aktion des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Er versuchte während einer Performance 1965 einem toten Hasen die Bilder einer Galerie erklären. Unter Beobachtung von Publikum durch die Fensterscheiben. Sowohl sein Ansatz, die künstlerische Aufgabe auch als eine politische zu sehn als auch sein Anspruch, jedem Menschen die Befähigung als Künstler/in des eigenen Lebens zuzumuten, passen zu meiner eigenen künstlerischen Haltung.

Seit April 2020 wohne ich gegenüber einem alten zerfallenden Haus in der Gräbligasse im romantischen Städtchen Altdorf in der Schweiz. Es ist das einzige Haus in dieser Gasse. Umgeben von parkenden Autos. Häuser inspirieren mich. Vor allem wenn sie leer stehen oder keinen Sinn machen. Und so hatte ich versucht, mich auch mit dem alten Haus gegenüber meiner Wohnung irgendwie anzufreunden. So wie meist, wenn ich ungenutzten Spielraum entdecke, hatte ich das Bedürfnis, es künstlerisch zu bespielen. 

 

Und dann kam Corona.


Und je länger und öfter ich nun dazu gezwungen war, auch tagsüber aus meinem Wohnzimmerfenster das einfallende Dach des alten Hauses zu betrachten, umso negativer wurden meine Assoziationen und Gefühle zu dem Gebäude. Irgendwann fand ich es nur noch abstossend. Dieser morbide, gestrige, innerlich allmählich verwesende Charakter war mir unangenehm. Die Gewissheit, dass es dem Untergang geweiht ist, hat kein Mitleid bei mir hervorgerufen. Im Gegenteil. Ich wollte mich abgrenzen und es einfach nicht mehr ansehen müssen. Nichts mehr damit zu tun haben. Ich schloss einen Teil meiner Fensterläden, um weniger von ihm zu sehn. Das half erst mal. 

Bis zu dem Morgen, wo ich aufwachte aus einem Traum. In diesem Traum war das alte Haus plötzlich bevölkert von Plüschtieren. Sie waren sehr lebendig und wuselten bunt und schrill im Haus herum. Ich versuchte ein paar davon einzufangen. Und genoss es dabei total, ihre lustigen Gesichter ohne Maske zu sehen. Und wenn ich sie erwischt hatte, mit ihnen zu knuddeln. Es war ein witziger Traum. Eine Inspiration. Er erinnerte mich an die schamanistische Geschichte von Alice, die dem weissen Hasen ins Wunderland folgt. 

 

Dann wusste ich plötzlich, wozu dieses alte Haus dienen kann. Es steht für einen existentiellen traumhaften Übergangsort, der sowohl symbolisch als auch tatsächlich die Möglichkeit bietet, sich über einige - gerade virale - Themen auf kreative Art Gedanken zu machen. Sich künstlerisch mit Hilfe des Hauses auszudrücken. Und den Diskurs zu suchen mit all denen, die mit diesem Anliegen in Resonanz gehen. Und gerade jetzt auch nach Freiraum und brach liegendem Potenzial für kreatives Miteinander suchen. Gerade jetzt werde ich mir als Künstler*in wieder vehement dessen bewusst, was der eigene Hauptauftrag sein könnte: Menschen dabei zu helfen, Mensch und gesund zu bleiben oder zu werden. Und nicht nur an Wunder zu glauben, sondern sie selbst zu erschaffen. Und zwar ohne viel Geld und Macht. Mit Hilfe von oben und dem was sowieso und kostenlos schon da ist. Unsere Welt ist so reich an Müll, Material und sinnfreien Räumen, dass es für die nächsten hunderte Jahre zum Leben und Spielen reicht. Denn schliesslich ist es nie zu spät für eine glückliche Kindheit . Das alte geduldige Haus wird  so zur wohlwollenden und aufgeschlossenen Ersatzmutter. Die kein Angst hat. Nicht einmal vor dem eigenen Tot. Und mutig den Raum hält für all das, was wir schon lange endlich einmal machen wollten. Schreien, wüten, singen, tanzen, Farbe verschütten, Steine bemalen und Scherben zählen.

Seit Anfang Oktober bin ich nun damit beschäftigt, das Haus zu beleben, mich künstlerisch darin einzurichten und ein sehr offenes und niederschwelliges Konzept für die vorübergehende soziokulturelle Nutzung zu entwickeln. Kreativ genug sollte es sein, um nicht gleich wieder neuen Corona-Verordnungen und anderen Gefahren für die künstlerische Freiheit und die öffentliche Ordnung zum Opfer zu fallen. Der Hausbesitzer ist eingeweiht und einverstanden.

Es handelt sich um ein work in progress. Das Ende wird durch die Entscheidung des Besitzers gesetzt werden, es abzureissen. Es kann jeden Tag so weit sein. 

Sowohl Künstler/innen, Musiker/innen und Theaterleute als auch jede/r an Kunst und öffentlichem Diskurs Interessierte ist herzlich eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen. Gerne auch aus der Ferne. Gedankenübertragung funktioniert bei den meissten Besucher*innen noch nicht. Aber wir haben Strom. Vielleicht schaffst Du es aber auch, mir und dem alten Haus und seinen Bewohner/innen einen Besuch abzustatten.
Hier auf der Seite kündige ich immer die aktuellen Aktionen und Neuigkeiten an.  

 

Ab 1.11.20 bin ich selbst auf jeden Fall immer Sonntags von 11 bis 13 Uhr in der Gräbligasse Altdorf/Uri im anzutreffen. Und verbringe auch sonst möglichst viel Zeit im und am Haus. Vor allem bei schönem Wetter.

Interessierte oder Esgenauerwissenwoller können sich auch gerne vor einem Besuch bei mir melden unter 0762 15 32 10 oder ursula.dichtl@gmx.ch und einen Termin abmachen. Wir freuen uns auf jeden Fall über Wohlwollen und Interesse. Und auch über Sponsoren für die Ausgaben, die trotz aller Freiheit von finanziellen Mitteln, anfallen.

Zur Künstlerin

Ursla Maria Dichtl (° 1961, Aicha Vorm Wald, Deutschland) ist eine Künstlerin, die am liebsten intermedial, gemeinsam mit anderen, unter Einbezug eines Publikums und mehr oder weniger spontaner Mitakteure arbeitet. Durch die Anwendung einer poetischen und oft metaphorischen Sprache möchte Dichtl u.a. Irritation, Faszination und Inspiration generieren. Sie bietet am liebsten mehrdimensionale Spielräume an, die sich gegenüber festgefahrenen Erwartungen und dem Bedürfnis einfacher Erklärungen realtiv restpektlos verhalten. Der innere und äussere Diskurs, der durch ihre Arbeiten und Aktionen angeregt wird, ist für die Künstlerin notwendige Voraussetzung für selbstermächtigendes Verhalten in einer immer entropischer, disruptiver und medialer bestimmten Welt.

 

Ihre Kunstwerke erscheinen häufig als traumhafte Bilder, in denen sich Fiktion und Realität treffen, wo Bruchstücke bereits bekannter Kunst und Mythologie auftauchen, wo Symbole ihre Bedeutungen wechseln und Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Zeit und Raum spielen oft Schlüsselrollen in den szenischen Aufführungen der Künstlerin. Ihre Art des Auftretens offenbart eine inhärente Unbeholfenheit, einen Humor, der einfache Bewertungen erschwert und unsere eigenen Schwachstellen widerspiegelt. Die Künstlerin betrachtet die künstlerische Bewegung auch als Metapher für den immer suchenden Menschen, der stets nahe am Abgrund läuft und ständig von Verlust, Wahnsinn und Enttäuschung bedroht ist. Der Gefahr in ungesunde manipulierende Narrative anderer verwickelt zu werden kann nur entgehen, wer sich selbst ermächtigt, die eigene Geschichte zu leben und eigene Sicherheitsnetze zu spinnen und sich und seine Gesundheit gegen die wirklichen Feinde zu verteidigen.  

 

Die während Ihrer Aktionen entstehenden Arbeiten sind eine Reflexion über die Kunst der Kunst selbst: durch und durch selbstbezogen und daher tief in die Geschichte der Moderne eingeschrieben. Indem die Künstlerin das tägliche Leben zum Thema macht und gleichzeitig die allgegenwärtige alltägliche Ästhetik kommentiert, verwendet sie Referenzen und Ideen, die so in den Prozess der Komposition des Werks integriert sind, dass sie denen entgehen können, die sich nicht die Zeit nehmen, dies herauszufinden. Der/diejenige der/die in diese Welt eintaucht, wird belohnt mit dem Gefühl, eine geheime und heimelige Brutstätte des Geistes zu entdecken, die ebenso schmerzhaft wie ehrlich um das Lagerfeuer der Seele herum etwas Neues und Befreiendes anbietet: Die Freude am gemeinsamen Gestalten einer wundervollen, lebbaren Welt mit offenem Ausgang.

 

Ihre künstlerischen Interventionen reagieren häufig direkt auf die Umgebung und nutzen alltägliche Erfahrungen der Künstlerin als Ausgangspunkt. Sie thematisieren gern die Bewegungen, Geräusche und Funktionen von Menschen und Gegenständen. Meist sind ihre Aktionen untermalt von Musik oder Geräuschen, die sie selbst erzeugt oder von anderen ausborgt. Das tägliche Leben und sein unendliches Potenzial wird sichtbar gemacht wie ein ungeschnittener Film, in den man zufällig als Statist hineingeraten ist. Sie bietet kein Drehbuch oder einfache Erklärungen an. Die methodische Grundlage Ihrer Arbeiten entspricht kreativen Spieltaktiken, die verrückt oder professionell wirken können, jedoch niemals beliebig sind. Das Spielen ist eine ernste Angelegenheit: Das Spiel bietet Orientierung, Lernraum und Ausrede zugleich. Und nach dem Spiel ist immer zugleich vor dem Spiel. 

 

Ursla Maria Dichtl lebt und arbeitet seit 2017 in Altdorf/Uri in der Zentralschweiz und ist beteiligt an Projekten in München und Berlin.
(Sie ist im Moment ausserdem dabei, einen Tunnel nach New York zu graben.)

 

Foto: 1. Preis  (präcoronare Zeichnung von 1/2019)

Seelenart Kunstförderpreis Oberbayern 2020